Empfehlungen für das Erstellen von wissenschaftlichen Arbeiten

von Prof. Dr. Thomas Pietsch

 

Vielen Studenten graut es davor, einen wissenschaftlichen Text zu verfassen. Und zwar nicht nur bei der ersten Seminar- oder Hausarbeit, sondern auch noch dann, wenn es um die Bachelor-, Diplom- oder Masterarbeit geht. An dieser Stelle habe ich einige Tips zusammengestellt, damit Ihnen diese Arbeit leichter fällt.

 

Die abgegebene Arbeit ist Ihre Visitenkarte

Nicht nur wegen des hohen Anteils an der Examensnote müssen Sie der wissenschaftlichen Arbeit (inclusive der mündlichen "Verteidigung" - korrekte Bezeichnung: Colloquium) die höchste Aufmerksamkeit schenken. Ihr Praxispartner setzt ebenfalls hohe Erwartungen in die Ergebnisse Ihrer Arbeit und auch andere Unternehmen (potentielle Arbeitgeber) verlangen immer öfter von ihren Bewerbern das Vorlegen ihrer Abschlussarbeit. Damit wird die wissenschaftliche Arbeit zu Ihrer Visitenkarte. Meine Empfehlungen sollen Ihnen diese Bedeutung deutlich machen und erste Hilfen geben. Wegen der Fülle der notwendigen Informationen zu detaillierteren methodischen und technischen Aspekten muss ich Sie auf die Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Arbeiten und auf die weiterführende Literatur verweisen.

Mit der hier empfohlenen Vorgehensweise sollen Sie sich nicht zum Bürokraten verwandeln und auch nicht Ihre Spontaneität und Kreativität zugunsten vorgegebener Strukturen und Regeln "über Bord werfen". Sehen Sie die Situation so, dass Sie Ihre Kreativität innerhalb eines organisatorischen Rahmens besser - da zielgerichtet - zum Einsatz bringen können. Ersparen Sie sich die zu späte Erkenntnis, dass Sie es beim zweiten Mal besser machen würden.

Beachten Sie deshalb zunächst die folgenden Punkte:

  • Arbeitsmethodik und Arbeitsweise
  • Verwenden von Literatur
  • Aufbau und Dramaturgie der Arbeit
  • Inhalt
  • Ergebnis

 

Zur Arbeitsmethodik und Arbeitsweise:

Jedes Projekt - und eine wissenschaftliche Arbeit ist ein Projekt - erfordert eine Planung. Deshalb sollten Sie Ihr Projekt von Beginn an inhaltlich und zeitlich strukturieren. Zu den Aufgaben einer solchen Planung gehören:

  • Identifizieren und Auflisten aller auszuführenden Arbeitsschritte
  • Ermitteln der zur Verfügung stehenden (Netto-)Bearbeitungszeit
  • Beachten der sonstigen Aktivitäten, Beschränkungen (Familienfeste, Feiertage u. a.) und Freizeitbedürfnisse (Hobbies, Sport und Lebenspartner/-in!)
  • Festlegen, Abstimmen und Koordinieren der einzelnen, zum Teil parallel laufenden oder sich überschneidenden Arbeitsschritte
  • Gewichten der einzelnen Abschnitte und Berücksichtigen der Prioritäten
  • Beschaffen der erforderlichen Unterlagen, Mitschriften, Bücher, Materialien und ggf. Software
  • Ehrliche (Eigen-)Kontrolle des Arbeitsfortschrittes.

Das richtige Planen verhindert ein "Davonlaufen der Zeit". Besonders hilfreich ist ein schriftlicher Zeitplan mit Tages- oder Wocheneinteilung, in dem die geleistete Arbeit den geplanten Vorhaben gegenübergestellt wird.

Arbeitsplatz und Arbeitsmittel sind wichtige arbeitstechnische Elemente für Ihr Vorhaben. Das Partnerunternehmen, die Bibliothek oder die eigene Studentenbude sind die wohl am häufigsten gewählten Arbeitsplätze. Welcher Ort präferiert wird, hängt von sachlichen Gegebenheiten und persönlichen Vorlieben ab, wichtig ist jedoch, dass die Arbeitsatmosphäre stimmt. Verteilen Sie Ihre Arbeit nicht auf zu viele Orte, denn sonst gewinnen die Rüstzeiten schnell Oberhand und die eigentliche Arbeit bleibt im wahrsten Sinn "auf der Strecke".

Der wichtigste Rat, den ich Ihnen aus leidvoller eigener Erfahrung geben kann, ist die dringende Aufforderung, kontinuierlich und lieber mit einer Kopie mehr, die Ergebnisse jedes Ihrer Arbeitsschritte zu sichern!

 

Zum Verwenden von Literatur:

Als allererstes gebe ich Ihnen den Rat, nicht die gesamte verfügbare Literatur ungeprüft zu kopieren und nach Hause zu schleppen, denn Kopieren heißt nicht Kapieren! Obwohl dieser "Studentensport" weit verbreitet ist, empfehle ich Ihnen, die Auswahl der zu kopierenden Literaturquellen so vorzunehmen, als müssten Sie diese - wie zu Großmutters Zeiten - mit der Hand abschreiben. Auf diese Weise wählen Sie nur die tatsächlich wichtigen Quellen, sparen Geld und belasten sich nicht mit "Schrankware".

Bei der Literaturbeschaffung haben Sie verschiedene Möglichkeiten:

  • kaufen
  • photokopieren
  • in der Bibliothek lesen oder dort ausleihen
  • in der Fernleihe bestellen
  • direkt an der Quelle beschaffen
  • aus dem WWW "herausziehen"

 

Übrigens, kennen Sie eigentlich Ihre Bibliothek? Selbstverständlich (!?) kennt jeder Student "seine" Bibliothek seit den ersten Monaten des Studiums. Erfahrungsgemäß tauchen aber trotzdem Dutzende von Fragen zur Bibliotheksbenutzung auf, wenn mit einer Haus- oder Diplomarbeit angefangen wird. Die wichtigsten Informationen und Fragen, die spätestens in der Vorbereitungsphase eingeholt oder geklärt werden sollten, sind:

  • Benutzungsordnung der Bibliothek
  • Öffnungszeiten (auf Bibliotheksferien oder eingeschränkte Öffnungszeiten achten!)
  • Art, Ordnung und Benutzung der verschiedenen Bibliothekskataloge
  • Möglichkeiten, technische Erfordernisse und zeitliche Begrenzung der Ausleihe (auch Fernleihe)
  • Name, Büro und Zuständigkeit des jeweiligen Bibliotheksbeauftragen, z.B. als Ansprechpartner bei Beschaffungsproblemen (Fundorte, Neuanschaffung u. a.)

Wichtig ist darüber hinaus, dass Sie nicht an "Ihrer" Bibliothek kleben, sondern sich andere, im Umkreis befindliche Bibliotheken erschließen. Hier kommt es auch auf das persönliche Empfinden an. Reservieren Sie ein paar Tage "bevor Ihre Zeit läuft", um sich mit einigen Bibliotheken (z. B. an den großen Berliner Unis oder die Staatsbibliothek) vertraut zu machen. Verlassen Sie sich dabei keinesfalls ausschließlich auf eine Recherche im Online Public Access Catalogue (OPAC). Nur im Lesesaal können Sie die Vorteile des "Schneeballeffektes" nutzen. Dazu nehmen Sie verschiedene Bücher zu Ihrem Thema zur Hand und sichten dann im Literaturverzeichnis dieser Bücher die dort aufgeführten Quellen. Außerdem sehen Sie dort, was nebenan im Regal sonst noch steht.

Zum Gelingen der Arbeit ist es notwendig, dass Sie wissen, wie Sie die Werke anderer Autoren zitieren. Hier verweise ich Sie auf

  • Ihren Betreuer,
  • vorbereitende Lehrveranstaltungen, z. B. Diplomanden- oder Masterseminar
  • einschlägige Literatur, z. B. Manuel René Theisen, Wissenschaftliches Arbeiten, Verlag Vahlen

In jedem Fall empfehle ich Ihnen von Anfang an alle Quellen, die Sie finden, zu dokumentieren. Legen Sie dazu eine Quellendatei an, die als Grundlage für das spätere Literaturverzeichnis dient. Dabei müssen Sie alle bibliographischen Daten systematisch und einheitlich und vor allem vollständig erfassen. Wenn Sie dies in einer Tabelle machen, können Sie auch Spalten für "Quelle gelesen" und "Quelle verwendet/zitiert" einfügen und so "das unnötige, mehrfache Anfassen" einer Quelle reduzieren.

 

Zum Aufbau und zur Dramaturgie der Arbeit:

Das "Rückgrat" jeder wissenschaftlichen Arbeit ist ihre Gliederung. Sie dokumentiert das Themenverständnis und die Gedankenstruktur des Verfassers und die vorgenommene Gewichtung. Mit welcher Gliederungssystematik Sie am besten zurechtkommen sollten Sie selbst ausprobieren und sich dann - gegebenenfalls nach einer Rücksprache mit Ihrem Betreuer - für die Ihnen angenehmste Form entscheiden.

Die Logik jeder Gliederung wird durch das Thema und damit durch den strukturellen Aufbau der Arbeit bestimmt. Eine Einleitung (sie muss allerdings nicht genauso heißen) ist ein echter Bestandteil der Arbeit, im Gegensatz zum Vorwort. Sie kann unter anderem der Rechtfertigung des Themas, dem Ziel der Arbeit, der Abgrenzung und Definition des Schwerpunktes, der Geschichte und dem Stand der Forschung gewidmet sein.

Beim Anfertigen der ersten Teile einer schriftlichen Arbeit kommt es zunächst nicht auf exaktes und gleichzeitig stilistisch ansprechendes Formulieren an. Wichtig ist es in diesem Stadium vielmehr, Gedanken und Ideen zügig niederzuschreiben, um sie erstmals zu fixieren. Als Hilfestellung benutzen Sie den "Roten Faden" Ihrer Gliederung. Dieses Vorgehen motiviert mehr als das angestrengte Ringen um einzelne Definitionen und das zähe Formulieren einzelner Sätze. Jede Arbeit wächst wie ein großes Puzzle und so lebt auch Ihre Gliederung, die sich anfangs stärker und mit fortschreitender Reife nur noch im Detail verändern wird. Der Ausgangspunkt liegt zunächst ebenso im Nebel wie das noch offene Ende und die größten Herausforderungen gibt es häufig da, wo Sie sie zu Beginn am wenigsten vermutet haben.

Wichtig ist vor allem, dass Sie dramaturgisch einen Spannungsbogen erzeugen, der beim Beschreiben des Problems und der daraus resultierenden Aufgabenstellung beginnt, über das detailgenaue Analysieren und konkrete Beschreiben der Ausgangssituation und der daraus resultierenden Anforderungen an eine Lösung fortgesetzt wird und über das Auswählen und Beschreiten des Lösungsweges bei dem von Ihnen erzeugten Ergebnis endet. Und um bei der Methapher "Schauspiel" zu bleiben: Vergessen Sie das dramaturgische Stilmittel des "Open end", sondern erzeugen Sie stattdessen ein "Happy End" beim Leser! Ein zufriedener Leser wird Ihre Arbeit besser beurteilen!

 

Zum Inhalt:

Der Inhalt Ihrer Arbeit muss der formalen Aufteilung in Kapitel, Unterkapitel, Abschnitte usw. entsprechen. Wichtige Gedanken gehören in höhere Argumentations- und damit Gliederungsebenen, nicht so wichtige in untere. Gleichgeordnete Textteile müssen auf gleichrangigen Argumentationsebenen liegen. Die Abfolge Ihrer Gedanken und deren Gewichtung muss anhand der einzelnen Kapitel und Abschnitte der Arbeit nachvollziehbar sein. Schaffen Sie argumentativ Übergänge zwischen den einzelnen Bestandteilen Ihrer Arbeit.

Erzeugen Sie mit Ihrer Argumentation eine logische Kausalkette. Die Notwendigkeit jedes Satzes, Absatzes, Kapitels muss sich aus dem jeweils vorhergehenden Satz, Absatz, Kapitel ergeben. Das heißt,

  • Ihre Argumentation ist gut, wenn es nicht möglich ist, eine Passage herauszulassen, ohne dass etwas fehlt oder anders herum
  • jede Passage, die Sie löschen können, ohne dass dadurch die Verständlichkeit Ihrer Argumentation leidet, ist überflüssig.

Wissenschaftliche Texte dienen in erster Linie dem Darstellen, kritischen Diskutieren und Entwickeln von Lösungen oder Lösungsansätzen eines Sachproblems und sind deshalb keine Bühne für persönliche Stilübungen. Dennoch ist das sprachliche Ausarbeiten und verständliche Argumentieren von sehr großer Bedeutung. Nicht nur Prüfer wissen: Wer unklar schreibt, hat auch unklar gedacht. Mit wachsendem zeitlichen Abstand steigt übrigens meist die Bereitschaft zum Kürzen und Streichen, durch die jede Arbeit nur gewinnt. Es gibt ein bewährtes Mittel, wie Sie den Ausdruck und den Stil Ihrer Arbeit verbessern können: Lesen Sie den Text laut (gegebenenfalls suchen Sie sich dafür ein "Opfer") oder sprechen Sie ihn auf ein Tonband. Wenn er hörbar wird, werden Sie schnell seine Mängel feststellen.

Ein Autor, der prägnant, schlüssig und logisch nachvollziehbar argumentiert, vermeidet z. B.

  • den unpräzisen "man-Stil" (Stil der Feiglinge und Drückeberger),
  • subjektive Bekräftigungen, wie "selbstverständlich", "sicherlich" etc.,
  • schwammige Formulierungen, wie "meist immer ...",
  • den romanartigen Erzählstil (in der 1. oder 4. Person),
  • sonstige prosaische Formulierungen,
  • den reißerischen Stil von Werbebroschüren.

 

Zum Ergebnis:

Den Schluss der Arbeit bildet eine prägnante und übersichtliche Darstellung der von Ihnen erarbeiteten Ergebnisse. Belassen Sie es aber nicht bei lapidaren Wiederholungen bereits vorher erläuterter Sachverhalte. Machen Sie die ganze Arbeit "in sich rund", indem Sie Ihre Ergebnisse im letzten Kapitel der Arbeit ansprechend präsentieren. Hier sollten Sie etwas kreativer sein, als es hinter Kapitelüberschriften, wie "Zusammenfassung" oder "Résumée" zu vermuten ist. Ein Abschlusskapitel mit Inhalten, wie z. B.

  • "Das entwickelte Konzept und die Schritte zu dessen Umstzung"
  • "Die Ergebnisse der Untersuchung und ihre Bewertung"
  • "Vorgehensplan zur Einführung des ... "

stellt das Ergebnis Ihrer Arbeit besser heraus und unterstreicht damit Ihre Leistung. Denken Sie daran, dass die Art und Weise, wie Sie Ihre Ergebnisse am Ende der Arbeit "verkaufen" viel darüber aussagt, welche Wertschätzung Sie Ihrer eigenen Leistung entgegenbringen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.

Thomas Pietsch